„Experten für die Kinder, Bindeglied zu den Eltern“

Wie kann Inklusion an Schulen funktionieren? Wo sind die Grenzen der inklusiven Beschulung? Im Interview sprechen Katrin Mudroch-Störmer, Schulleiterin der Oststadtschule in Wunstorf, und Susanne Sell-Brand, Koordinatorin Schulbegleitung der Lebenshilfe Seelze, über ihre Erfahrungen.

Frau Mudroch-Störmer, wie stehen Sie zur Inklusion?  
»Ich finde inklusive Schulen und inklusiven Unterricht sehr gut! Wir nehmen Kinder mit bereits festgestelltem Unterstützungsbedarf im körperlich-motorischen oder geistigen Bereich sehr gern an unserer Schule auf. Aber entscheidend dabei ist natürlich, dass wir die Inklusion im Klassenzimmer auch vernünftig umsetzen können. Dafür müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Und da gibt es zweifellos noch reichlich Handlungsbedarf.«

Wie kann Inklusion funktionieren?
Katrin Mudroch-Störmer:
»Idealerweise wäre immer ein Förderschullehrer mit im Unterricht, nicht nur stundenweise, wie es derzeit der Fall ist. Daneben noch die Unterstützung der Kinder durch qualifizierte Schulbegleiter. Wenn diese Strukturen gegeben sind, sprich Lehrkraft, Sonderpädagoge und Schulbegleiter als feste Besetzung einer Schulklasse, die Hand in Hand arbeiten, dann kann Inklusion gut funktionieren. Auf diese Weise ist zieldifferenziertes Arbeiten möglich. Aber das kostet natürlich Geld. Auch die räumliche Ausstattung müsste weiter angepasst werden. Unter anderem durch Differenzierungsräume, Personalräume und Funktionsräume.«

Hinken die Schulen der Inklusion sozusagen hinterher?
Katrin Mudroch-Störmer:
»Ja. Die Entscheidung wurde (mit Inkrafttreten der UN-Behindertenkonvention 2009, Anm. der Redaktion) getroffen, und die Schulen müssen seitdem sehen, wie sie die veränderten Anforderungen tagtäglich in den Klassenzimmern umsetzen können.«

Wie beurteilen Sie die Rolle der Schulbegleiter?
Katrin Mudroch-Störmer: »Ausnahmslos positiv! Ohne die Schulbegleiter wäre für die Kinder, die einen speziellen Unterstützungsbedarf haben, ein Schulalltag gar nicht zu leisten. Die qualifizierte Schulbegleitung ist für uns eine absolute Erleichterung. Die Schulbegleiter sind die Experten für ihr Kind und das Bindeglied zu den Eltern, das hilft uns enorm.«

Kommen die Kinder bereits mit einem Schulbegleiter an der Seite zur Einschulung?
Susanne Sell-Brand:
»Viele der von uns betreuten Kinder haben die Frühförderung durchlaufen und den Kooperativen Kindergarten der Lebenshilfe in Wunstorf besucht. Bei ihnen ist der Bedarf bekannt und eine Schulbegleitung frühzeitig beantragt worden. Sie haben dann tatsächlich vom ersten Schultag an ihren Schulbegleiter an der Seite. Aber es gibt natürlich auch Kinder, bei denen der Unterstützungsbedarf erst in der ersten Klasse festgestellt werden kann.«

Angenommen, die Lehrer bemerken bei einem Kind Auffälligkeiten. Wie gehen Sie vor?
Katrin Mudroch-Störmer:
»Wenn wir Auffälligkeiten wahrnehmen, beobachten wir das Kind zunächst intensiv und beraten uns im Team mit der Förderlehrerin vor Ort. Bei Bedarf holen wir uns Rat vom Mobilen Dienst der Schule auf der Bult. (Der Mobile Dienst auf der Bult ist das Unterstützungssystem für alle allgemeinen Schulen in der Landeshauptstadt und der Region Hannover im Unterstützungsschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung, Anm. der Redaktion). Unter Umständen erstellt der Mobile Dienst gemeinsam mit der Klassenlehrerin dann ein sogenanntes Fördergutachten. Dieses Gutachten geht an die Niedersächsische Landesschulbehörde. Sollte ein Unterstützungsbedarf in diesem Bereich festgestellt werden und die Eltern sind der Meinung, dass eine Schulbegleitung sinnvoll ist, müssen sich die Eltern buchstäblich auf den Weg machen und einen geeigneten Schulbegleiter suchen. Das heißt, die Eltern wenden sich an einen Träger, etwa das Beratungszentrum der Lebenshilfe Seelze. Auch ohne einen festgestellten Unterstützungsbedarf kann die Schulbegleitung für ein Kind sinnvoll sein. Dann beantragen die Eltern eine Begleitung bei der Region.«

Susanne Sell-Brand: »Der Bedarf nach Schulbegleitung ist in den vergangenen Jahren rapide gestiegen. Wir haben relativ oft Anfragen von den Schulen. Momentan gibt es bei uns eine Warteliste. Wichtig ist uns, ausschließlich qualifizierte Schulbegleiter zu beschäftigen. Und der Schulbegleiter sollte zum Kind passen, wir veranstalten immer ein Kennenlerntreffen.«

Welche Aufgaben hat eine Schulbegleitung?  
Susanne Sell-Brand: »Die Schulbegleiter helfen Kindern dabei, den Schulalltag zu bewältigen. Welche Aufgaben das konkret sind, lässt sich nur mit Blick auf den individuellen Unterstützungsbedarf des Kindes beantworten. Bei vielen gehört unter anderem dazu, den Arbeitsplatz einzurichten und die Unterrichtsmaterialien aufzubereiten. Für manche Kinder sind immer wieder Auszeiten nötig, in denen sie mit dem Schulbegleiter den Unterrichtsraum verlassen können. Sie betreuen die Kinder zudem in den Pausen und versuchen, die Integration in die Klassengemeinschaft zu fördern. Sie begleiten die Kinder bei Ausflügen, Schulveranstaltungen und Klassenfahrten.«

Katrin Mudroch-Störmer: »Die Kinder mit einem Unterstützungsbedarf im Bereich Lernen werden nach dem Kerncurriculum der Förderschule unterrichtet. Die Förderschullehrer stellen einen individuellen Lehrplan für das Kind auf. Problematisch ist, dass der Förderlehrer nur stundenweise in die Klasse kommt, bei einem Kind mit dem Unterstützungsbedarf Geistige Entwicklung sind es gerade mal fünf Wochenstunden. Ein Kind mit einem Unterstützungsbedarf im Bereich Lernen hat nur Anspruch auf zwei Stunden in der Woche. Das ist natürlich sehr unglücklich. Schulbegleiter sind keine Lehrer! Sie ersetzen keine zweite Lehrkraft oder eine sonderpädagogische Förderung durch ausgebildete Sonderpädagogen. Schulbegleiter unterrichten nicht, sie unterstützen das Kind – auf der Grundlage des Materials und der Lehrpläne der Förderlehrer, bei einer erfolgreichen Teilnahme am Regelunterricht.«

Besuchen auch Kinder mit schwerer geistiger oder sozial-emotionaler Beeinträchtigung die Oststadtschule?
Katrin Mudroch-Störmer:
»Nein. Es gibt meines Erachtens definitiv Kinder, die zur Zeit an einer Regelschule gar nicht oder zumindest zeitweise nicht beschult wer-den können, bei manchen ist das auch abhängig von der Lebenssituation. Dafür sind die Rahmenbedingungen wie mehr Personal, mehr Räumlichkeiten, kleinere Klassen oder die Ausstattung an einer Regelschule einfach noch nicht ausreichend. Kinder und Jugendliche mit einer Schwerbehinderung etwa sind sicherlich auf der Paul-Moor-Schule Wunstorf (Förderschule mit dem Schwerpunkt Geistige Entwicklung, Anm. d. Red.) oder der ILMASI-Schule Garbsen-Berenbostel (Förderschule für Lernen/ geistige Entwicklung, Anm. d. Red.) besser aufgehoben. Dort geht es primär um die Vermittlung von lebenspraktischen Fertigkeiten und Kompetenzen, weniger um klassisches Schulwissen. Für andere Schüler könnte in bestimmten Phasen die Schule auf der Bult (Förderschule mit dem Schwerpunkt Emotionale und Soziale Entwicklung) die beste Lösung sein. Soweit sind wir einfach noch nicht, um diesen Kindern an einer Regelschule gerecht werden zu können. Aber grundsätzlich profitieren von der Inklusion alle Kinder!«

Also haben auch die nicht-behinderten Kinder an Ihrer Schule einen Nutzen vom gemeinsamen Unterricht?
Katrin Mudroch-Störmer:
»Unbedingt! Der gemeinsame Unterricht bringt ganz viel in puncto soziale Kompetenz. Mögliche Berührungsängste verlieren, ohne Vorurteile aufeinander zugehen, offen sein – die nicht-behinderten Kinder wachsen da ganz normal hinein. Egal ob ein Unterstützungsbedarf oder nicht, man kann sich gemeinsam etwas erarbeiten, zusammen lachen und spielen. Das soziale Gefüge der inklusiven Klassen ist fantastisch, man denkt immer für die Schwächeren mit, ein Miteinander und Füreinander ist hier vollkommen selbstverständlich. Und die Schulbegleiterinnen gehören als feste Größe dazu, sie werden von allen Kindern sehr geschätzt.«