»Mit Ressourcen verantwortlich umgehen«

Wo sind die Rosenbeete? Müsste man hier nicht mal Unkraut jäten? Fragen wie diese hört das Gartenteam der Lebenshilfe Seelze immer wieder. Peter Tegtmeier, Leiter Ausbildung und Förderung, und Gruppenleiter Alexander Gennies erläutern das Konzept, das hinter der Gestaltung des Außenbereiches von Werk 4 steht. Das Stichwort: Permakultur.

Herr Tegtmeier, was versteht man unter Permakultur?
Peter Tegtmeier: »Im Kern geht es um Nachhaltigkeit, um die Möglichkeit und auch Verantwortung, nachhaltig mit Ressourcen umzugehen. Ursprünglich für die Landwirtschaft entwickelt, ist die Permakultur mittlerweile zu einem Denkprinzip gewachsen, das auch Bereiche wie die Energieversorgung oder Landschaftsplanung umfasst. Permakulturell gestaltete Lebensräume werden als Systeme begriffen, in denen die Bedürfnisse von Menschen, Tieren und Pflanzen so gut wie möglich erfüllt werden.«

Was heißt das konkret für die Gestaltung und Pflege des Außengeländes?
Peter Tegtmeier: »Auf den ersten Blick erscheint eine solche Grünfläche als Unkrautsammlung, doch beim genauen Hinschauen kommt eine beeindruckende Pflanzenvielfalt zum Vorschein. Der Fokus der Bewirtschaftung liegt auf Dauerhaftem. Auf Pflanzen, die unter den jeweiligen Licht- und Bodenverhältnissen
ideal gedeihen, nicht viel Pflege brauchen, aber trotzdem Ernten bringen. Eine wesentliche Grundidee hinter der Permakultur ist, sich dauerhaft aus der Natur ernähren zu können. Und zwar mit so wenig Aufwand wie möglich, gleichzeitig einfach und selbstverständlich in der Fülle. Das Geheimnis dahinter liegt im Vertrauen
auf die Regulierung der Natur.«
Alexander Gennies: »Im Permagarten gelten andere Regeln. Wildkräuter etwa lockern den Boden auf. Wer braucht schon eine Gartenkralle, wenn es Würmer gibt. Es wird nicht umgegraben, wir überlassen die Erdlockerung Pflanzen und Würmern. Ein Hacken und Jäten ist im Idealfall auch nicht mehr notwendig. Wenn wir mal jäten, wird das Unkraut ausgerissen und wieder auf das Beet gelegt, es kommt dann den Würmern zugute, und die Nährstoffe gehen wieder ins Erdreich. Auch das Abgemähte bleibt liegen. Das Ganze ist ein Kreislauf, wir greifen nur dort ein, wo es notwendig ist.«

Tiere leisten also Unterstützung beim Permagärtnern?
Alexander Gennies: »Unbedingt. Wir schaffen mit der Permakultur Lebensräume für eine Vielzahl an Pflanzen und Tieren, Stichwort biologische Vielfalt. Im Permagarten ist jedes Lebewesen willkommen und alle leisten ihren Beitrag. Würmer, Wildbienen, Insekten, Waschbären, Erdkröten, Singvögel. Wir haben Greifvogelstützen gebaut für Bussarde und andere Vögel. Trockenmauern und Sitzsteine dienen als Lebensraum für Igel und Echsen. Mensch, Tier und Natur arbeiten im Permagarten quasi Hand in Hand. Dank der Tiere haben wir auch kaum Schädlinge wie Läuse, Raupen oder Schnecken.

Wie kam es zu der Idee, einen Permakulturgarten anzulegen?
Peter Tegtmeier: »Mit dem Werk 4 hat sich das Gelände der Lebenshilfe Seelze fast verdoppelt, wir hatten also viel Freigelände zur Gestaltung. Damit stellte sich die Frage, was wollen wir daraus machen? Was ist zukunftsorientiert und nachhaltig? Was passt zu uns? Unsere Antwort lautete Permakultur. In jeglicher Hinsicht eine tolle Sache. Die ungiftige Bepflanzung ist ein zusätzlicher Vorteil, gerade für Menschen mit Behinderung. Außerdem gibt es viele lauschige Nischen, in die man sich zurückziehen kann, zum Ausruhen oder um Tiere zu beobachten. Auch für unseren Biolandbetrieb Lebensgrün in Holtensen ist die Permakultur von Werk 4 eine prima Ergänzung.«

Wie geht es weiter mit dem Permagarten?
Peter Tegtmeier: »Noch sieht es vielleicht etwas wild aus, aber das wird in den nächsten Jahren wachsen und sich verändern. Der Esswald beispielsweise ist derzeit eine einzige Wildwiese mit Margeriten und Rucola, das braucht alles seine Zeit. Und etwas Geduld. Diese Veränderung ist ein wichtiger und spannender Aspekt des Permagärtnerns. Wir haben 1000 Gehölze gepflanzt in 150 Arten und Sorten, bei allen ist etwas Essbares dabei. Jetzt freuen wir uns auf die Ernte von Sanddorn, Quitte, Holunder, Ginkgo, Felsenbirne und Co.«

Was ist Permakultur?

Permakultur (eine Verknüpfung der Begriffe permanent agriculture und dauerhafte Landwirtschaft) ist ein Gestaltungssystem, das sich der nachhaltigen Entwicklung verschrieben hat. Ziel der Permakultur ist es, die Lebensgrundlagen der Menschen dauerhaft zu sichern – ökologisch, sozial und ökonomisch. Das Konzept zielt auf die Schaffung von beständig funktionierenden nachhaltigen und naturnahen Kreisläufen ab. Landschaftsgestaltung in der Permakultur ist nichts anderes als eine Rekultivierung der zum Teil zerstörten Naturlandschaft nach dem Vorbild natürlicher Ökosysteme. Eine permakulturelle Planung strebt die Erhaltung und schrittweise Optimierung dieser Kreisläufe an, um ein sich selbst regulierendes System zu schaffen, das höchstens minimaler Eingriffe bedarf, um in einem dynamischen Gleichgewicht zu bleiben.