Wie war’s? Ein Erfahrungsbericht

Im Herbst 2020 startete die Lebenshilfe Seelze das „Wohntraining“, ein in Niedersachsen einzigartiges Projekt. Es richtet sich an Erwachsene mit Behinderung, die noch bei ihrer Familie, in einer Wohnstätte oder einer betreuten Wohngruppe zuhause sind, aber den Wunsch nach einem Leben in den eigenen vier Wänden haben.

Die ersten vier Teilnehmer erfuhren in praxisnah aufgebauten Seminaren alles Wichtige über die Wohnungssuche, über Rechte und Pflichten von Mietern, den Möbelkauf, die Planung von Einkäufen, Kochen, Haushaltsführung und Tagesstruktur oder den Umgang mit Geld. Auf die Theorie im Herbst folgte Anfang des Jahres die Praxis: Pascal Vortmüller, 29, war der Erste, der Anfang Januar die neue Trainingswohnung am Barnemarkt in Wunstorf für vier Wochen bezog.

„In den Seminaren haben wir viel gelernt. Ich war gut vorbereitet“

„In den ersten beiden Tagen war mir ein bisschen mulmig, so allein in ungewohnter Umgebung“, räumt Pascal Vortmüller ein. „Aber das Gefühl ging ganz schnell vorbei. Dann habe ich mich echt wohl gefühlt.“ Pünkltich aufstehen, Frühstück machen, die Fahrt zur Arbeit, Einkaufen und Abendessen, Haushalt und Freizeitgestaltung – all das habe er sehr gut alleine hingekriegt, betont Pascal. „In den Seminaren haben wir viel gelernt; das Bedienen der elektrischen Geräte wie Waschmaschine, Mikrowelle, Fernseher, Kühlschrank oder Herd. Ich war gut vorbereitet.“ Hilfestellung erhielt er von den Fachkräften der Ambulanten Dienste: Zwei- bis dreimal die Woche kamen Lebenshilfe-Mitarbeiter Mark Ormerod, Tim Reuper und Kathrin Schümann im Wechsel bei ihm vorbei.

Er hat Mut gefasst

„Bei meinen Besuchen habe ich geschaut, in welchen Bereichen Pascal Unterstützung benötigt“, erklärt Ormerod. Zunächst hätten sie zusammen die Gegend kennen gelernt und Einkaufsmöglichkeiten erkundet, hin und wieder auch gemeinsam eingekauft und gekocht. Pascal habe sich rasch, sehr gut in der neuen Wohnsituation zurechtgefunden und sogar Besuch in „seiner“ Wohnung empfangen.

Marc Ormerod, Lebenshilfe-Mitarbeiter: „Pascal hat sich rasch, sehr gut in der neuen Wohnsituation zurechtgefunden.“

„Die Schulungen und Workshops dienen nicht allein der Vorbereitung, sagt Ormerod. „Die Theorie ist auch wichtig für uns, um einzuschätzen, ob die Teilnehmenden schon so weit sind, den Alltag in einer eigenen Wohnung bewältigen zu können, oder ob sie damit überfordert sind.“ Überfordert fühlte sich Pascal keineswegs, im Gegenteil: Er hat Mut gefasst.

„Jetzt weiß ich, dass ich es schaffen kann, alleine zu wohnen“

„Es war gut, dass ich das Alleinwohnen ausprobieren konnte. Vorher hatte ich etwas Angst und Bedenken, ob ich es wirklich schaffe. Jetzt weiß ich, dass ich es hinkriege“, sagt Pascal Vortmüller, dessen Ziel es ist, tatsächlich bald in seine eigenen vier Wände zu ziehen – zumindest am Anfang mit der nötigen Hilfestellung durch das Team ‚Ambulant Betreutes Wohnen‘. „Meine Eltern unterstützen meinen Wunsch und helfen mir dabei, eine schöne Wohnung zu finden.“ In der Trainingswohnung wird schon bald der nächste Teilnehmer des Wohnprojekts Praxis sammeln. Eine Teilnehmerin ist jüngst in eine Wohngemeinschaft am Maschsee gezogen. Und der Vierte aus dem Quartett braucht noch ein wenig mehr Zeit auf der Suche nach der für ihn geeigneten Wohnform.

Pascal Vortmüller wohnt (noch) zu Hause bei seinen Eltern in Garbsen und arbeitet in der Werkstatt der Lebenshilfe Seelze, am Empfang im Werk 4. Der 29-Jährige hat sich schon länger mit dem Gedanken beschäftigt, in eine eigene Wohnung zu ziehen. Um herauszufinden, ob Alleinewohnen das Richtige für ihn ist, meldete er sich für das Wohntraining der Ambulanten Dienste an.

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