Berufliche Integration

Florian Gelhaar ist in seinem Element. Im EDEKA-Center Schmidt & Christ in Seelze nimmt er Leergut an, stellt leere Kisten und Paletten bereit, räumt Getränke und Süßwaren in die Regale. Auch Hendrik Koerbs geht in seiner Arbeit in der Warenannahme voll auf. Seit mehr als einem Jahr sind die beiden Werkstattmitarbeiter der Lebenshilfe Seelze im E-Center an der Hannoverschen Straße beschäftigt. „Ein Gewinn für alle“, wie ihre Chefs, die Marktbetreiber Lennart Schmidt und Steffen Christ, betonen. „Die beiden gehören zum Team und sind eine wertvolle Unterstützung.“

Diese Einschätzung kann Jörg-Olaf Haberland nur bestätigen; er kennt ihre Stärken und weiß, wie zuverlässig und engagiert sie arbeiten. Haberland, der bei der Lebenshilfe Seelze für die berufliche Integration zuständig ist, begleitet Menschen mit Beeinträchtigung auf ihrem Weg in den ersten Arbeitsmarkt – und dieser Weg verläuft immer anders, immer individuell. Bei Florian Gelhaar beispielsweise war es der bundesweite Aktionstag „Schichtwechsel“ im Herbst 2024, an dem sich auch das Seelzer Edeka-Center beteiligte. Dabei tauschen Menschen mit und ohne Behinderung für einen Tag ihren Arbeitsplatz. Gelhaar war neugierig und wollte „sich einfach mal bei Edeka ausprobieren.“

Praktikum: Wichtige Testphase für beide Seiten

Auf den „Schichtwechsel“ folgte ein zweimonatiges Praktikum. Eine Testphase für beide Seiten: Reichen die fachlichen und sozialen Fähigkeiten? Wie funktioniert die Begleitung durch die Lebenshilfe? Gelingt die Integration ins Team? Auch Gelhaar musste für sich klar werden, ob er den Schritt raus aus der Werkstatt gehen möchte. „Es muss für beide Seiten passen“, betont Haberland. „Das gegenseitige Kennenlernen ist eine Voraussetzung für eine dauerhafte Integration. Berufliche Teilhabe erfordert auch Ausdauer und Engagement seitens des Unternehmens. Bei Florian hat es vom Start weg gepasst. „Er macht seine Arbeit sehr gut, ist motiviert und fühlt sich wohl bei uns“, sagt Schmidt.

Edeka Schmidt & Christ
gewinnt Förderpreis für Inklusion 2026
der Region Hannover

Jeden Tag mit Freude zur Arbeit

Seit April 2025 arbeitet Florian Gelhaar auf einem ausgelagerten Einzelarbeitsplatz. In diesem Modell arbeiten Menschen mit Beeinträchtigung bei einem Partnerunternehmen der Lebenshilfe, formal sind sie aber weiterhin in der Werkstatt beschäftigt. Die nächste Ebene wäre das „Budget für Arbeit“ (s. Kasten) – die Vorstufe zu einem sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnis. Doch diesen Schritt kann sich Gelhaar aktuell (noch) nicht vorstellen. „Florian möchte den Status und die Anbindung an die Werkstatt derzeit beibehalten – und weiterhin von uns begleitet und unterstützt werden“, erklärt Haberland. Die Zurückhaltung ist aber nicht ungewöhnlich. Denn mit dem Wechsel in das „Budget für Arbeit“ fiele ein gewisser Schutzraum weg. Aber Edekas Angebot steht – und bietet ihm eine langfristige Perspektive. „Wir wissen, was er kann und was wir an ihm haben“, betont Steffen Christ.

 

Hendrik Koerbs: „Ich möchte auf den ersten Arbeitsmarkt“

Auch Hendriks Weg zu Edeka führte ebenfalls über ein Praktikum. Seit Juni 2025 arbeitet er wie Florian Gelhaar im Seelzer E-Center auf einem ausgelagerten Arbeitsplatz. Die Warenannahme ist „sein Reich“. Hier fühlt er sich wohl, obwohl jeder Tag neue, für ihn ungewohnte Herausforderungen bereithält. „Florian und Hendrik sind Teil des Edeka-Teams“, sagt Lennart Schmidt. „Wir machen keine Unterschiede – und unsere Kundinnen und Kunden auch nicht. Das bedeutet, dass es auch mal ungeduldige oder wenig verständnisvolle Kunden gibt, und damit muss jeder im Team umgehen können – ob mit oder ohne Beeinträchtigung.“ Das weiß auch Hendrik Koerbs: „Mir ist bewusst, dass ich den nächsten Schritt ins Budget für Arbeit nur machen kann, wenn ich mich diesen Herausforderungen stelle und mich darauf einlasse, mein Arbeitsgebiet zu erweitern.“

Schritt für Schritt geht’s voran. Gemeinsam.

„Wir versuchen für Hendrik ein Arbeitsumfeld zu entwickeln, das ihm gerecht wird und von dem auch wir profitieren. Nur mit der Warenannahme wäre er auf Dauer nicht ausgelastet. Entsprechend sind wir dabei, zu testen, ob er auch andere Einzelhandelsaufgaben übernehmen kann. Unser Ziel ist es, einen Arbeitsplatz zu schaffen, der optimal zu ihm passt“, erklärt Christ und ergänzt: „Der Vorteil ist, dass wir ihn langsam heranführen und neue Aufgaben kleinteilig und individuell justieren können.“ Außerdem sei jeder im Betrieb bereit, dieses Modell mitzutragen. „Schließlich haben wir in Florian und Hendrik Mitarbeiter und Kollegen gefunden, die unser Team bereichern und die bewiesen haben, dass sie eine wertvolle Unterstützung sind.“

„Unser gemeinsames Ziel ist es, berufliche Teilhabe zu ermöglichen“, betont auch Haberland. „Dabei gehen wir bei der Lebenshilfe behutsam vor. Ein Praktikum kann auch mal bis zu vier Monate dauern. Fakt ist, nicht für jeden ist der erste Arbeitsmarkt das Richtige, manche fühlen sich dem Druck und den Strukturen nicht gewachsen und bevorzugen die Werkstatt als geschützten Raum. Und wenn sich jemand den Sprung vom ausgelagerten Arbeitsplatz ins „Budget für Arbeit“ noch nicht zutraut, ist das auch okay. Wir haben keinen Zeitdruck, den nächsten Schritt machen zu müssen. Sollten Florian und Hendrik, irgendwann das Budget für Arbeit wollen, dann haben wir sie ins Ziel gebracht.“

Wichtig sind Unternehmen, die diesen mitunter langen Weg mitgehen können und wollen – so wie EDEKA Schmidt & Christ. Und nicht nur das: Steffen Christ und Lennart Schmidt schätzen die Flexibilität und das vertrauensvolle Miteinander, das in den vergangenen acht Jahren gewachsen ist, in denen beide Unternehmen in anderen Bereichen zusammenarbeiten. „Ein gelungener Übergang in den ersten Arbeitsmarkt erfordert eine schrittweise Erprobung, keinen Schnellschuss“, betont Schmidt. „Wir gehen gut strukturiert vor und bauen das Ganze vernünftig auf. Letztlich handelt es sich nicht um eine kurzfristige Maßnahme, sondern um einen Entwicklungsprozess, der darauf abzielt, Menschen mit Behinderung langfristig in unserem Unternehmen zu beschäftigen.“ Und: Es soll nicht bei zwei Lebenshilfe-Beschäftigen bleiben. Die Marktbetreiber planen, einen weiteren Arbeitsplatz einzurichten und eine Berufsbildungsmaßnahmen vor Ort durchzuführen.

Das Budget für Arbeit

Das „Budget für Arbeit“ wurde vom Land Niedersachsen gemeinsam mit den örtlichen Trägern der Sozialhilfe entwickelt. Es ist ein Lohnkostenzuschuss für Menschen, die aus einer Werkstatt in den ersten Arbeitsmarkt wechseln möchten. Den Arbeitgebern wird dabei bis zu 75 Prozent des Gehalts erstattet, wenn sie Menschen mit Beeinträchtigung einstellen. Die Beschäftigten werden zudem von Jobcoaches begleitet. Die Förderung gilt zunächst für zwei Jahre, eine Rückkehr in die Werkstatt ist jederzeit möglich. Im Idealfall ist das „Budget für Arbeit“ der Türöffner in die inklusive Arbeitswelt und ermöglicht Menschen mit Beeinträchtigung eigenverantwortliches Arbeiten mit eigenem Arbeitsvertrag.

Kontakt

Jörg-Olaf HaberlandTeamleitung Berufliche Integration joerg-olaf.haberland@lebenshilfe-seelze.de 05137 995-182 0151 16359449
Adresse
Lebenshilfe Seelze e.V.
Herbert-Burger-Platz 4
30926 Seelze

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