Aus der Praxis – Kai

Zu Besuch bei Kai Nowak

Bericht aus dem Magazin Blickwinkel, Ausgabe 2/2017

Autismus hat viele Facetten. Jugendliche und Erwachsene erhalten bei der Lebenshilfe Seelze eine individuelle und auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Förderung – so wie Kai Nowak.

Konzentriert betrachtet Kai Nowak die Emotionskarte. Das Foto zeigt eine junge Frau, sie schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. »Sie ist verzweifelt«, deutet er und mutmaßt: »Vielleicht hat sie gerade eine schlimme Nachricht bekommen.« »Stimmt. Besser kann man es nicht ausdrücken«, sagt sein Betreuer Constantin Fink, und legt ihm die nächsten Karten vor. Einige sind eindeutig, anderen lassen Raum für Interpretationen. Doch der 22-Jährige kann auch die übrigen Bilder mit Empfindungen oder Alltagssituationen treffend beschreiben. Freude, Panik, Empörung, Staunen – dass Kai Nowak diese Gefühle erkennt und benennt, ist nicht selbstverständlich. Er ist Autist.

»Ich weiß manchmal nicht, was die Menschen meinen«
»Kai ist mit den Emotionskarten schnell und gut, er ist wortgewandt, kann sich ausdrücken«, sagt Lebenshilfe-Mitarbeiter Fink, der sich als Diplom-Sonderpädagoge auf die Arbeit mit erwachsenen Autisten spezialisiert hat. »Aber es ist anstrengend für ihn. Er musste Gefühle, Gestik und Körpersprache quasi erst lesen lernen.« Nowak bestätigt: »Ich weiß manchmal nicht, was die Menschen meinen. Ist es Spaß oder Ernst? Verstehen lernen – darum geht es Kai Nowak. »Ich möchte mich selbst und andere besser verstehen.« Und er möchte seine Diagnose verstehen. »Was ist Autismus?« Diese Frage beschäftigt Kai Nowak.

»Ich bin flexibler geworden«
Nowak meistert seinen Alltag weitgehend selbstständig. Seit seinem 16. Lebens-jahr lebt er in einer Wohngruppe des Vereins Samlif in Weetzen bei Ronnenberg und arbeitet in der Tischlerei der Lebenshilfe Werkstatt in Seelze. »Seit ich in der Wohngruppe bin, habe ich viel dazugelernt«, sagt Nowak. »Ich bin flexibler ge-worden.« Und nicht nur das. »Anfangs sprach Kai kaum«, erinnert sich Sven-Olaf Jobst, Vorsitzender von Samlif und Leiter der Wohneinrichtung. Er habe sich schwergetan, Kontakte aufzubauen. Neues bereitete ihm Schwierigkeiten. »In den vergangenen zwei Jahren hat er aber enorme Fortschritte gemacht. Mittler-weile ist Kai ein aufgeschlossener und selbstbewusster junger Mann.«

Soziale Kontakte aufbauen und fördern
Der Entschluss, nach Antworten und Unterstützung zu suchen, kam von ihm selbst. Von der Autismusförderung der Lebenshilfe Seelze hat er schließlich über seine Kollegen erfahren. Nowak informierte sich und ließ sich beraten. Mit Constantin Fink trifft sich Kai Nowak jetzt einmal pro Woche für jeweils zwei Stunden, meist in seiner Wohngruppe. Oft gehen sie auch spazieren oder einkaufen, reden dabei viel über Selbsteinschätzung oder Freundschaften. Soziale Kontakte ermöglichen und fördern, Gruppenangebote nahebringen – ein weiterer wichtiger Aspekt bei der Arbeit mit Autisten. Um das zu fördern, begleitet Fink Nowak gelegentlich zum Fußballtraining bei der Lebenshilfe und zu einer Selbsthilfegruppe für Asperger Autisten in Wunstorf. »Ich bin gerne mit anderen zusammen, unternehme etwas«, sagt Nowak. Der Fußballfan geht häufig ins Stadion zu Spielen von Hannover 96, nimmt an Ausflügen seiner Wohngruppe oder der Werkstatt teil, macht mit seinen Eltern Urlaub. »Planen, verabreden, das klappt prima, er ist absolut selbstständig mit Bus und Bahn unterwegs«, sagt Fink und betont: »Kai hat einen sehr guten Entwicklungsstand für einen Menschen mit Autismus.«

Es geht um Identität
Antworten sucht er aber noch immer. »Es geht viel um Identität«, erklärt Fink. Nowak sieht sich als Asperger Autist, er empfindet viele Gemeinsamkeiten, fühlt sich Aspergern verbunden. »Autismus hat viele Ausprägungen«, betont Fink. »Eine eindeutige Zuordnung ist oftmals schwierig oder sogar unmöglich.« Aber unab-hängig davon: Kai Nowak scheint auf dem besten Wege zu sein, zu sich selbst zu finden.