Wohntraining in Wunstorf

Fit für die eigene Wohnung

Eine eigene Wohnung, das wäre toll. Aber: Schaffe ich das? Wie es wohl sein wird, alleine zu wohnen, können sich die wenigsten vorstellen. Viele Menschen mit Behinderung sind auch unsicher, ob sie den Schritt bewältigen können. Vielen fehlt einfach die Erfahrung und auch das Selbstvertrauen. Hier setzt das Projekt „Wohntraining“ der Lebenshilfe Seelze an, im Herbst dieses Jahres startete. Ziel: Die Teilnehmer fit zu machen für das Leben in den eigenen vier Wänden.

Die Ambulanten Dienste der Lebenshilfe Seelze bieten ein „Wohntraining“ an. Bevor die Teilnehmer aber den großen Schritt wagen, setzen sie sich in Seminaren intensiv mit dem Thema „alleine wohnen“ auseinander. Nach der Theorie haben sie die Möglichkeit, in einer Trainingswohnung der Lebenshilfe das eigenständige Wohnen auszuprobieren. Die erste Gruppe startete mit vier Erwachsenen im Alter von Anfang 20 bis Mitte 40, sie alle leben noch zu Hause bei ihren Eltern.

Wohntraining bei der Lebenshilfe

Das Wohntraining ist ein in Niedersachsen bislang einzigartiges Angebot. Es richtet sich an Erwachsene, die bei ihrer Familie, in einer Wohnstätte oder einer betreuten Wohngruppe leben und die Voraussetzung der Eingliederungshilfe erfüllen. Im Gegensatz zu »Wohnschulen« können Interessenten bis zu vier Wochen in die barrierefreie und komplett eingerichtete Wohnung einziehen. In dieser Zeit werden sie von Fachkräften der Ambulanten Dienste betreut, können herausfinden, ob eine eigene Wohnung das Richtige für sie ist und ob sie den Alltag alleine bewältigen können.

 

Fachkräfte begleiten die Teilnehmenden

„Viele Menschen mit Beeinträchtigungen haben den Wunsch, alleine zu wohnen, aber auch Angst davor, es nicht zu schaffen“, sagt Lebenshilfe-Mitarbeiterin Kathrin Schümann. Deshalb bliebe der Übergang in die nächste Wohnform und damit verbunden die Entwicklung zu mehr Selbstständigkeit oftmals aus. „Bei unserem Wohntraining können die Teilnehmer unverbindlich herausfinden, ob eine eigene Wohnung das Richtige für sie ist. Dabei werden sie von Fachkräften begleitet. Wir bringen ihnen das Alleinewohnen näher und machen es erlebbar“, erklärt Lebenshilfe-Mitarbeiter Mark Ormerod.

Das Lebenshilfe-Team “Wohntraining” (v.li.): Mark Ormerod, Kathrin Schümann und Tim Reuper.

Theorie & Praxis

Der Theorieteil dauert etwa drei Monate. Einmal pro Woche trifft sich die Gruppe für anderthalb Stunden. Insgesamt zwölf Seminare stehen auf dem Programm: Wohnungssuche, Mietvertrag, Rechte und Pflichten von Mietern, Möbelkauf, Planung von Einkäufen, Haushaltsführung, Freizeitgestaltung, Tagesstruktur oder der Umgang mit Geld sind dabei einige der Themen, die praxisnah vermittelt und um Workshops und Exkursionen ergänzt werden. Auf die Theorie folgt dann der praktische Teil: das Probewohnen in der Trainingswohnung in Wunstorf . Teilnehmende können für bis zu vier Wochen hier einziehen. In der Zeit werden sie durch Fachkräfte der Ambulanten Dienste begleitet.

Co-Trainer geben Praxistipps

Eine weitere Besonderheit sind die Co-Trainer, die in den Seminaren von ihren eigenen Erfahrungen berichten. „Wir arbeiten im Schulungsteam auf der Basis des Peer-Counseling“, ergänzt Tim Reuper, was so viel heißt wie: „Beratung von Betroffenen für Betroffene“. Zehn Menschen mit Beeinträchtigung, die mittlerweile in den eigenen vier Wänden leben, teilen ihr Expertenwissen mit den Teilnehmenden. „Die Gruppen werden vom Austausch untereinander und von den Co-Trainern profitieren“, ist Ormerod überzeugt.

Während der Projektphase finden regelmäßig Reflexionsgespräche statt. Das erleichtere die Entscheidungsfindung für eine geeignete Wohnform. „Nicht nur die Teilnehmer profitieren vom Projekt Wohntraining, auch deren Eltern und Angehörige sowie die Fachkräfte aus den Wohnbereichen. Das Probewohnen ermöglicht eine ganz andere Perspektive auf die Fähigkeiten und Potenziale der Teilnehmer. Wir bekommen einen verlässlichen Eindruck davon, ob und wie viel Unterstützung sie benötigen“, sagt Ormerod. Unabhängig davon, wie viele den Schritt in die eigene Wohnung schaffen werden, die Ambulanten Dienste der Lebenshilfe haben mit dem Wohntraining ein Angebot geschaffen, das offenbar den Nerv vieler Erwachsener mit Beeinträchtigung trifft.

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