Interview C Fink

„In kleinsten Schritten Alltägliches trainieren“

Der Anteil an Kindern mit Entwicklungsstörungen und -auffälligkeiten ist im Laufe der Jahre gestiegen. Vor allem das Thema Autismus beschäftigt die Fachleute der Lebenshilfe Seelze zunehmend. Lebenshilfe-Mitarbeiter Constantin Fink hat sich auf Autismus-Spektrums-Störungen (ASS) spezialisiert und erklärt das „Phänomen“ Autismus.

Gibt es heute mehr autistische Kinder als früher?
„Natürlich gab es sie früher genauso wie heute, aber das Anderssein, die Auffälligkeiten wurden häufig nicht als Autismus bezeichnet oder diagnostiziert. Die Kinder sind damals als „Störenfriede“ oder „Träumerle“ aufgefallen. Inzwischen weiß man: Autismus ist eine angeborene Störung und tritt in verschiedensten Ausprägungen auf, vor allem in der Wahrnehmung und Kommunikation.“

Diagnose Autismus, Empfehlung Frühförderung – Wie geht es dann weiter?
„In allen Fällen stellt der Amtsarzt Autismus fest und empfiehlt heilpädagogischen Förder-bedarf. Wir führen dann mit den Eltern ein erstes Gespräch und fragen sie, was ihnen besonders wichtig ist. Häufig geht es meist um Dinge wie alleine anziehen, alleine essen oder alleine zur Toilette gehen. Grundsätzlich soll die Frühförderung die Voraussetzungen für eine bestmögliche Selbstständigkeit schaffen.“

Wie gehen Eltern damit um?
„Für viele Eltern ist es ein schwerer Prozess, bis sie die Diagnose Frühkindlicher Autismus überhaupt akzeptieren und annehmen. Wichtig ist ein enger Austausch mit den Eltern und den Kita-Fachkräften sowie anderen Fachdisziplinen. Wir müssen alle in die gleiche Richtung gehen.“

Wie sieht Ihre Arbeit mit autistischen Kindern aus?
„In der Regel arbeiten wir zweimal die Woche jeweils für eine Stunde mit dem Kind, bei Hausbesuchen oder im Kindergarten, je nach Elternwunsch – in bestimmten Fällen auch viermal die Woche. In kleinsten Schritten trainieren wir mit den Kindern die selbstverständlichsten Abläufe und wiederholen sie. Etwa ein Glas mit Wasser füllen und trinken. Es geht um praktisches, alltagsbezogenes Lernen, oft hilft ein gezieltes Führen der Hände. Gerade bei Kindern mit Autismus müssen wir auch häufig daran arbeiten, bestimmte starre, stereotype Verhaltensweisen abzubauen, damit sie sich auf etwas Neues einlassen können. Ganz wichtig ist immer das Lob oder auch die Belohnung. Eines ist dennoch klar, in den allermeisten Fällen werden Kinder mit Autismus später auf Hilfe angewiesen sein.“

Bälle, Bürsten und Chiffontücher – Fortschritte und Rückschläge in der Therapie
Fühlen und Wahrnehmen sind wesentliche Aspekte in der Arbeit mit autistischen Kindern. Dafür nutzen wir zum Beispiel unterschiedlich harte Bürsten und Bälle. Oder Chiffon-Tücher, die eignen sich zum Über-den-Kopf-werfen oder Über-den-Arm-Streifen. Für au-tistische Kinder ist es schwer, Berührungen zuzulassen, die Tücher machen es leichter. Durch Plexi-Bausteine mit bunten Farbfiltern können die Kinder die Welt in einem anderen Licht sehen, das mögen die meisten. Wir arbeiten viel vor dem Spiegel zur besseren Wahr-nehmung. Manchmal gelingt mit der passenden Methode ein regelrechter Durchbruch bei einem Kind. Dann wieder sind es Kleinigkeiten, die eben dieses Kind vollkommen aus der Bahn werfen – sei es, dass man das falsche T-Shirt trägt oder etwas nicht korrekt ange-ordnet ist.“